25. Klavierfrühling



Ewig junger Frühling – allüberwindende Treue:
Ein Vierteljahrhundert Deutschlandsberger Klavierfrühling


Der Deutschlandsberger Klavierfrühling, der nun schon auf eine 25jährige Geschichte zurückblicken kann, aber selbst – wie seine Erfinderin Barbara Faulend-Klauser – dabei gar nicht alt aussieht, ist ohne Zweifel eines der erstaunlichsten Phänomene des österreichischen Musiklebens. Auch in dieser neuen und jüngsten Ausgabe demonstriert das Festival seine Vielseitigkeit und Offenheit: Schon der Umstand, daß hier das Klavier zwar im Zentrum steht, aber nicht zum despotischen Alleinherrscher gemacht wird, sondern auch den Geschwistergenres in nomine Sanctæ Cæciliæ, der Klavierkammermusik und dem Lied, ja auch der Dichtung ihren Raum und Rang zugesteht, unterscheidet es von vielen Klavierfestivals – und garantiert uns dankbaren Zuhörern Abwechslung und Lebensfülle.
Es erstaunt nicht, daß in einem Ort, der seit 1984 die Heimstätte von Henzes legendärem Jugendmusikfest war, jungen Interpreten besonderes Gehör geschenkt wird: Davit Khrikuli wird bei seinem Auftritt gerade seinen 18., Ziyu He (der neue Geiger des Altenberg Trios) eben seinen 20. Geburtstag gefeiert haben, und drei der Musiker – Nathalia Milstein, Filippo Gorini und der Geiger Yevgeny Chepovetsky – gehören dem Geburtsjahrgang 1995 an, sind also Jahrgangscollegen unseres Festivals. Auch unter den aufgeführten Werken sind etliche Jugendwerke zu finden: Richard Strauss schrieb sein mitreißendes Klavierquartett mit zwanzig, und genau so alt war Germaine Tailleferre, als sie ihr zauberhaftes Impromptu komponierte; Schostakowitsch wagte sich schon mit siebzehn an sein erstes Klaviertrio, die originelle Frucht einer Sommerliebe, die uns nur durch einen glücklichen Zufall erhalten blieb.
Doch absolut nichts an diesem Fest ist dogmatisch: Während man anderswo peinlich darauf bedacht sein mag, Programmüberschneidungen wie die Pest zu meiden, bietet sich hier ganz zwanglos die Möglichkeit, solche Schlüsselwerke der Klavierliteratur wie Mozarts a-Moll- (Janina Fialkowska und Elisabeth Leonskaja) und Schuberts c-Moll-Sonate (Oleg Maisenberg und Till Fellner) aus jeweils zwei ganz verschiedenen Perspektiven mitzuerleben.
Was allerdings den Klavierfrühling von Anfang an ausgezeichnet hat, sein kosmopolitischer Charakter, fern von Lokalmatadorentum und Kantönligeist, bleibt eine verläßliche Konstante in seiner Physiognomie: Von den 21 auftretenden Künstlern sind nur sechs in Österreich geboren, und in allen Biographien widerspiegelt sich jene Weltoffenheit und Beweglichkeit des Geistes, ohne die unsere Zukunft farb- und hoffnungslos wäre. Grenzüberschreitung und Mehrsprachigkeit sind das Merkmal all dieser Lebensläufe – beispielhaft etwa bei jenem Ensemble, das sich dem heikelsten aller Genres der Klavierkammermusik verschrieben hat, dem Klavierduo des Ehepaares Gülru Ensari & Herbert Schuch, das, aus Temeswar und Istanbul kommend, in Köln seßhaft geworden ist.
Welch unglaubliche Kräfte die Musik zu wecken vermag, beweisen Janina Fialkowska und Oleg Maisenberg: Beide waren selbst durch schwere Erkrankungen nicht zu entmutigen und zum Schweigen zu bringen – und zeigen uns, was Treue zur eigenen Berufung und zum gewählten Instrument eigentlich heißt.

Claus Christian Schuster