Musisch verzauberte Jahreszeit


Der „Deutschlandsberger Klavierfrühling“: Begegnungen, Erkundungen, Entdeckungen, Geschichten



Welch’ eine Fülle programmatischer Vorhaben, literarischer Wechselbeziehungen und Kontraste! Werke von Bach, Rameau, Haydn aus der Frühgeschichte des Klavierspiels, Kompositionen von Benjamin Britten, Ignaz Paderewski, Witold Lutoslawski, Astor Piazzola aus dem „Archiv“ der vertrauten Quasi-Zeitgenossen – und schließlich Stücke des 1948 geborenen Claude Baker und des türkischen Komponisten Achmed Adnan Saygun, der im vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag hätte feiern können. Sein Name, sein Schaffen gibt mir Gelegenheit, das umfangreiche Klavierfrühlingsprogramm 2008 gleichsam von hinten aufzuzäumen. Denn zum ersten Mal – und dies als „Finalistin“ - gastiert die türkische, in Cambridge lebende Pianistin Gülsin Onay in Deutschlandsberg. Sie darf man – zusammen mit ihrer türkischen Kollegin Idil Biret – als Stellvertreterin auf Erden des 1991 verstorbenen türkischen Komponisten Saygun bezeichnen. Als Preisträgerin des Bozener Busoni-Wettbewerbs hat sie sich ohne das übliche mediale Aufsehen einen Namen auf den Podien rund um den Erdball verschafft, wurde in den letzten Jahren geradezu mit Ehren und Auszeichnungen überhäuft. Ich traf Gülsin Onay in den letzten Jahren zwei Mal im Kreis von Juroren und Jurorinnen. Einmal, während des Bremer Klavierwettbewerbs und später, als der auch hier bekannte Bulgare Julian Gorus den Weimarer Liszt-Wettbewerb gewann. Zwei Jahre später gab es die Möglichkeit für ein weiteres Zusammensein. Der Anlass für einen dreitägigen Besuch der türkischen Hauptstadt Ankara war ein Konzert mit Gülsin Onay unter der Leitung ihres Pianistenkollegen Vladimir Ashkenazy. Vor etwa eineinhalb Jahren hatte mir Onay eine DVD mit ihrer Interpretation des d-Moll-Konzerts (op. 30) von Rachmaninov geschenkt. Ich war von ihrem Spiel, von ihrem Elan, von ihrer Einfühlung in alle Gegensätzlichkeiten des Werkes, von ihrer lebensbejahenden Virtuosität so beeindruckt, dass ich ihr spontan ein paar bewundernde Zeilen widmete. Gülsin Onay zögerte nicht, Vladimir Ashkenazy eine Kopie samt meiner Kurzkritik in die Schweiz zu schicken. Ashkenazy antwortete, versprach ihr, sie zu engagieren. Und es blieb nicht – wie so oft bei solchen Gelegenheiten – beim Versprechen. Sie konzertierten zusammen auf Island – der Heimat von Ashkenazys Frau - und später Mitte Mai 2007 in Ankara. Auf dem Programm stand das „Dritte“ von Rachmaninoff – ausführlich geprobt und am Konzertabend von Ashkenazy mit Übersicht und auf der Basis großer Erfahrung geleitet.

Im 14. Jahr seines Bestehens riskiert es das Deutschlandsberger Klavierfestival, im Zeichen des Klimawandels mit einem personell wie inhaltlich reichen, genauer gesagt: gedehnten Programm in das steirische Konzertleben einzugreifen: der „Klavierfrühling“ währt vom 27. Jänner bis zum 14. Juni! Ein ausschweifendes, den verbürgten Jahreszeitenrhythmus - ähnlich den gegen-wärtigen Wetterkapriolen – sprengendes Veranstaltungs-angebot mit vielen Wiederbegegnungen, mit neuen Gästen aus der internationalen Familie namhafter, bekannter, aber auch junger, heranwachsender Künstler. Den Anfang macht der amerikanische Pianist Tzimon Barto, dessen jüngste Rameau- und Ravel-Aufnahmen (Ondine ODE 1067-2 bzw. ODE 1095-2) zu den erfolgreichsten CD-Titeln des aktuellen Katalogs gehören. Aus seinem schier unergründlich neu erfühlten, bis ins Letzte subjektiv ausgesteuerten Rameau-Repertoire wird er auch bei seinem Deutschlandsberg-Debüt spielen.

Elisabeth Leonskaja – in Deutschlandsberg die Treueste unter den Treuen! - folgt ihm wenige Tage darauf mit den drei letzten Beethoven-Sonaten op. 109, op. 110 und op. 111. Sie war erst kürzlich in Salzburg im Rahmen der Mozartwoche zu erleben. Mit Mozarts Sonate in F-Dur (KV 332), mit Werken von Anton Webern und mot Mozarts Klavierquartett in Es-Dur (KV 493 (zusammen mit dem Cellisten des jungen, hervorragenden französischen Quatuor Ébène und am Ende mit Mitgliedern eben dieses aufstrebenden Kammermusikensembles). Mit dem Cellisten spielte Elisabeth Leonskaja nicht nur die kurz gefassten, ungeheuer komprimierten drei Stücke op. 11, sondern auch zwei kleine, schwärmerisch-glühende Miniaturen aus der Frühzeit des Komponisten, die erst in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgefunden wurden. Zugaben für die Mozartianer aus allen Landen nicht am Ende eines Konzerts, sondern schon im offiziellen Programm! Von dieser Großzügigkeit einer Künstlerin hat auch das Deutschlandsberger Konzertleben schon mannigfaltig erfahren und profitieren dürfen.

Im Kreis der Treuen nimmt neben dem Pianisten Oleg Maisenberg, der mit einem reinen Brahms-Programm zu Gast ist, auch das Altenberg-Trio einen Ehrenplatz ein. Klaviertrios von Beethoven werden in dieser Saison mit Kompositionen aus dem Umfeld Beethovens gekoppelt, wobei die Gelegenheit genutzt wird, zur Erhellung und Begleitung der musikalischen Tatbestände literarisches Material heranzuziehen. Peter Matic ist in diesem Fall der bekannte, verehrte Übermittler. Unter den Komponisten aus dem Umkreis Beethovens favorisiert das Altenberg-Trio auch den Komponisten Ferdinand Ries. Christopher Hinterhuber, einem der Deutschlandsberger Pianisten früherer Jahre, ist es zu danken, die brillanten, irgendwo zwischen Hummel, Mendelssohn und frühem Beethoven angesiedelten Klavierkonzerte dieses Meisters der „zweiten Reihe“ für Naxos eingespielt zu haben (8.557844, 8.557638). Darunter ein Konzert in As-Dur (op. 151) unter dem Titel „Gruß an den Rhein“!

Man darf die „Arbeit“ des Altenberg-Trios im Sinne von Repertoire-Erhaltung und –Erweiterung nicht hoch genug veranschlagen. In ihren Programmen recherchieren sie im Umfeld der großen, anerkannten Meister. Das heißt für uns Nachgeborene, die längst die Möglichkeit haben, die bedeutendsten Werke der Vergangenheit im Konzertsaal, im Radio, auf den verschiedenen Tonträgern, ja sogar gelegentlich Fernsehen zu verfolgen, sich mit ihnen vertraut zu machen, sie wirklich kennen zu lernen. Wichtig aber bleibt es, auch die kunstpolitischen, die ästhetischen Voraussetzungen, sozusagen die kulturellen Umweltbedingungen zu beachten, unter denen etwa Beethoven gelebt, komponiert – und auch gelitten – hat. Insofern sind die anderen, heute weniger berühmten, oft nur dem Namen nach bekannten Co-Autoren seiner Zeit nicht nur als schöpferische Begleiterscheinungen zu betrachten, sondern in vieler Hinsicht als jener vielschichtige Humus, auf dem die führenden Komponisten ihre Vorstellungen entwickeln konnten – mit dem großen Strom der aktuellen Kunstauffassung, nicht selten aber auch in Konfrontation zu jeweils akzeptierten stilistischen Leitlinien. Überspitzt möchte man formulieren: ohne die Kleineren sind die Größeren nicht denkbar. Und etwa Johann Nepomuk Hummel war kein Kleiner – seine Klavierkonzerte, seine Klaviersonaten, seine – erst jetzt wieder aufgeführten und eingespielten – geistlichen Werke beweisen es!

Als einen neuen „Treuen“ dürfen wir auch den russischen Pianisten Boris Berezovsky betrachten und für ein ganz besonderes Konzert mit Werken von Chopin, Rachmaninoff und Medtner begrüßen. Er widmet seinen Abend dem im vergangenen Jahr verstorbenen Pädagogen und Pianisten Alexander Satz – eine der prägenden Persönlichkeiten auch des Musiklebens in der Steiermark, aber auch weit über die Grenzen des Bundeslandes hinaus. Berezovsky betrachet Alexander Satz ebenso wie die Pianistin Lilya Zilberstein als wichtigste Lehrerpersönlichkeit, gewisser-maßen als personifizierte Wegmarke auf der Reise von der Unschuldigkeit in das Reich des Wissens, des wissenden Fühlens – so wie es für die (im weitesten Sinn) russischen Künstler verbürgt und zur Grundlage ihres inter-pretatorischen Wirkens geworden ist.

Im alternierenden Trioverbund sind Janna Polyzoides, Erich Höbarth, Martin Hornstein und François Benda mit einer auf Brahms konzentrierten Werkfolge zugegen; im Duo für Violine und Klavier werden sich Amiram Ganz und Alexander Paley den Sonaten (Sonatinen), dem h-Moll-Rondo und der C-Dur-Fantasie von Schubert widmen. Werke von Schubert sind es auch, wenn Paley Mitte März bereits als Solist auftreten wird. Es handelt sich mit Impromptus und Sonaten um Schlüsselwerke aus verschiedenen Schaffensperioden eines Komponisten, der in diesem Jahr immer wieder in den Programmen der Künstler eine Rolle spielt. So auch in der Werkwahl des russischen Gewinner des Zürcher „Géza Anda“-Wettbewerbs 2005, Sergey Koudriakov, der seinen Abend mit sechs Schubert-Liedern in der Bearbeitung von Liszt eröffnen wird. Koudriakov erlebte ich in Zürich an der Seite Oleg Maisenbergs aus der schönen, aber auch problematischen Perspektive des hauptamtlichen Bewerters. Unvergesslich Koudriakovs weitsichtige, zögernde, tastende, dabei melodisch tränenselig-glückliche, weit über das Instrument hinausweisende Gestaltung der drei Schubertschen Klavierstücke D 946.

Im farbenreich, sozusagen international bestückten Programm des Klavierduos Stenzl steht Schuberts Fantasie D 940 im Zentrum. Und auch der englische, von Alfred Brendel geförderte Pianist Paul Lewis bekennt sich mit der Fantasie-Sonate D 894 zum Schaffen Schuberts. Beliebt, bevorzugt zu manchen Zeiten – und dies zumal im Frühling! – sind nicht nur Autoren, sondern auch ganz bestimmt Werke. So sollte man ursprünglich Chopins große Polonaise op. 22 dreimal hören können: mit Tzimon Barto, mit Koudriakov und am Ende des Festivals mit der türkischen Pianistin Gülsin Onay. Koudriakov hat auf freundliche Anfrage im letzten Moment seine Vortragsfolge geändert und von der mit einem „Andante spianato“ eingeleiteten Polonaise in Es-Dur zuvorkommend Abstand genommen.

Wie Gülsin Onay so war in Bozen auch ihre russische Kollegin Lilya Zilberstein erfolgreich. Sie bietet in diesem Jahr ein rein russisches Programm mit den als „Zyklus“ selten zu hörenden, hochvirtuosen 13 Préludes op. 32 von Rachmaninov und mit Mussorgskys berühmten „Bildern einer Ausstellung“. Von den Rachmaninov-Préludes taucht jenes Nr. 13 kaum je in Konzertprogrammen auf. Es erfordert für Raum greifende Akkordschläge eine große, zumindest extrem dehnungsfähige Hand. Und eine Klaviermusikantin von der kämpferischen, hoch engagierten Statur einer Lylia Zilberstein, die nicht nur in der Lage ist, die anspruchsvollsten Klavierpartituren zu meistern, sondern diese auch mit einer schier urmütterlichen Gesundheit bis zur Neige auszukosten.

Jüngstes Mitglied der Klavierfrühlingsgemeinde 2008 ist die 16jährige, in München geborene Sophie Elisa Pacini. Ein fabelhaft talentierter Sprössling deutsch-italienischer Eltern, die seit letztem Herbst an der Hochschule Mozarteum bei Pavel Gililov studiert (dem langjährigen Duo-Partner des Cellisten Boris Pergamenschikow und Lehrer auch des finnischen, in Deutschlandsberg „heimischen“ Pianisten Henri Sigfridsson, der ab Herbst eine Professur an der Musikhochschule Graz übernehmen wird). Bis zum Semesterende lernte Sophie Pacini in der Salzburger Klasse von Karlheinz Kämmerling (und zugleich als Studentin im Rahmen eines „Hochbegabten“-Projekts). Im vergangenen Jahr zeigte sie sich unter anderem im ZDF mit dem ersten Satz von Beethovens c-Moll-Konzert einem breiteren Publikum.

Als mich vor ein paar Monten der Dirigent Gustav Kuhn ans Telefon rief, bedeutete dies die überraschende Anbahnung einer Zukunftsperspektive für die junge, sehr junge Musikerin. Kuhn informierte mich über das wiedererstandene Schallplattenlabel „col legno“, für dessen künstlerische (aber auch ökonomische) Zukunft er mitverantwortlich zeichnen würde. Mittlerweile sind sämtliche Beethoven-Sinfonien (WWE 60007) mit dem Haydn-Orchester von Bozen und Trient erschienen, zahlreiche Aufnahmen mit zeitgenössischer Musik (Castiglioni, Aperghis) und – eine kleine Sensation! – Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ – gelesen von dem Schauspieler und Regisseur Sven-Erich Bechtlof (col legno WWE 70001 /8 CD oder MP3). Ein schier geisterhaftes, dabei ungeheuer lehrreiches Erlebnis ohne den „Ballast“ der wagnerianischen Musik und (meist) unverständlicher Sänger!.

Ich erzählte Kuhn nebenbei von dem Talent Sophie Pacini. Und er - dieser unberechenbar, fast manisch spontane Musicus -, er meinte, sie sollte demnächst nach Lucca kommen, wo er seit vielen Jahren die in einem Kloster auf hohen Bergeshöhen untergebrachte „Accademia di Montegral“ leite. Wenige Wochen später fuhren wir – Sophie, ihre Eltern und ich – nach Lucca, kamen nach nächtlicher Autoreise am frühen Morgen an. Kuhn unterrichtete gerade seine Sänger - zum Teil die Solisten seiner Erler-Festspiele. Herzliche Begrüßung! Und prompt die Aufforderung an Sophie, in der kleinen Kloster-Kirche zu spielen. Schumanns „Carnaval“, Saint-Saens’ „Allegro appassionato“ und Chopins Scherzo op. 31 verschlugen allen Anwesenden den Atem. Und die Konsequenz: noch in diesem Jahr werden Sophie Pacini und Gustav Kuhn für col legno die beiden Chopin-Klavierkonzerte aufnehmen.

Noch fast jugendlich auch der 29jährige, aus Brest stammende Denys Proshayev, der sich u.a. den romantisch-literarischen Verstohlenheiten und Offen-herzigkeiten der Schumannschen „Davidsbündlertänze“ zuwendet. Jung an Jahren auch der aus Deutschlandsberg stammende Akkordeonist Wolfgang Dimetrik! Im Rahmen dieses Festivals ist er als Vertreter eines gleichsam mit Luft betriebenen Klaviers integriert. Im Zusammenwirken mit der Pianistin Sabine Kracher wagt er ein von Stücken Piazzollas gerahmtes und durchsetztes Programm zur zweifellos angeregten Diskussion zu stellen.

Peter Cossé