Elisabeth Leonskaja - Klavier


Laßnitzhaus
Samstag, 30. April 2016 18:00
22. Klavierfrühling 2016

Franz Schubert (1797 – 1828)
- Sonate Es-Dur D 568
- Sonate a-Moll D 784
- Sonate f.Moll D 625
- “Wandererfantasie” C-Dur D 760

Elisabeth Leonskaja – Intuitiv, resümierend und aktuell auf Pilgerreise

Franz Schuberts späte Klaviersonaten in einem prächtigen Begleitband zum 70. Geburtstag der Pianistin – und eine Vorschau auf ihren Klavierabend am 30. April

Ich wage es hier mit gutem Gewissen zu prophezeien: wer diesen prächtig bebilderten Band einmal aufgeschlagen hat, der wird ihn nur bei Seite legen, wenn absolut Unaufschiebbares auf dem Terminplan steht. Vorangestellt ist das Motto „Elisabeth Leonskaja – Intuitive Pilgerreise“ – eine Formulierung, die einen weiten Deutungsspielraum lässt. Carmen Delia Romero und Andreea Butucariu, die für das Konzept und die Texte verantwortlich zeichnen, haben sich in den ersten Kapiteln eingehend und einfühlsam mit Elisabeth Leonskajas Kindheit, mit ihrer Jugend (1965 – 1978) und mit ihrem für uns so erfreulichen „Hängenbleiben“ 1978 in Wien befasst. In weiteren Abschnitten äußert sich die Künstlerin gesprächsweise über die „Musik“ und über Schubert. In enger freundschaftlicher und musikalischer Verbindung zu Sviatoslav Richter in all seiner „magnetischen Anziehungskraft und königlichen Einfachheit“ findet sie berührende und für uns alle aufschlussreiche und einprägsame Worte. Den Herausgebern ist es deshalb zu danken, dass dem Band eine Bonus-DVD mit der kompletten Wiedergabe eines Konzertes im Moskauer Tschaikowsky-Saal beigefügt ist. Am 26. Juli 1993 spielten Elisabeth Leonskaja und Sviatoslav Richter drei Klaviersonaten und die c-Moll-Fantasie von Mozart in einer ungewohnten, selbst vielen Kennern der Klaviermusik unbekannten Fassung für zwei Klaviere. Edvard Grieg hatte sich den ebenso ernsthaften wie provokanten Spaß erlaubt, dem originalen Part die „freie Begleitung eines zweiten Klaviers“ hinzuzufügen. Die Tonqualität dieses Dokuments ist weit unter dem Standard der 90er-Jahre, aber man gewöhnt sich schnell an die Verfärbungen, denn wie so oft, wenn es sich um gleichsam historische Interpretationen handelt, tritt die akustische Qualität rasch in den Hintergrund und wesentlich bleiben die musikalische Intensität, die intellektuelle und emotionale Botschaft.
Von einer solchen möchte ich auch im Zusammenhang mit jenen Geschenken schwärmen, die Elisabeth Leonskaja mit einer Neueinspielung von acht „späten“ Schubert-Sonaten ihren Hörern und – wie ich denke – auch sich selbst gemacht hat. Die vier CDs, die 2015 in Berlin entstanden sind, klemmen wohlbehütet in der Innenseite des Buchdeckels. Sie zu entnehmen und in ein geeignetes Wiedergabegerät einzulegen, bedeutet – wie ich zu behaupten wage –, sich mit der Interpretin aufs Neue und mit gänzlich neuen Eindrücken auf Schubert-Pilgerreise zu begeben. Hilfreich ist dabei ein räumlich und dynamisch großzügig eingefangener Klavierklang mit hohem Aufsprechpegel. Fesselnd, erwärmend, begütigend, bekümmernd, aber auch erschreckend in ihren schauerlichen, düsteren Momenten – so durchwandert Elisabeth Leonskaja eine musikalische Landschaft, die ihr seit Jahrzehnten vertraut ist, sich ihr und dem aufmerksamen Hörer jedoch als eine neue Welt des Erlebten und im nächsten Moment vielleicht auch nur Erhofften und Erträumten zu offenbaren scheint. Ihre früheren Schubert-Aufnahmen in Erinnerung, empfinde ich diese Deutungen in den massiven, von Oktavserien und Akkordballungen deutlich wuchtiger, unerbittlicher gezeichnet (D 784, D 840). Schuberts Klaviersonaten sprechen, flüstern, singen und schweigen zu uns. Selten fühlt man sich lauschend der Wahrheit so nahe wie auf diesen fünf Stunden Pilgerfahrt. Womöglich hat Sviatoslav Richter seine Schubert-Hand schützend und zugleich ermutigend und auffordernd über diese bekenntnisreiche Unternehmung gehalten. Und dies, obwohl Elisabeth Leonskaja sich in ihren Schubert-Zeitmaßen erheblich von jenen Richters unterscheidet. Wie etwa im Verlauf des Kopfsatzes des G-Dur-Fantasie-Sonate (D 894), die Richter (wie auch Valery Afanassiev) bis zur Unendlichkeit, bis an den Rand des motivischen Zerfalls dehnte. Bedachtsam in der Tempogebung allerdings ist die Pianistin im Gegensatz zu fast allen ihrer Kolleginnen und Kollegen im Bereich des Finalsatzes der a-Moll-Sonate D 784, dessen sprudelnde, gurgelnde Skalen ja ein wenig an den Beginn von Smetanas „Moldau“ erinnern (EAS 29300).
In ihrem Klavierabend am 30. April im Laßnitzhaus wird sich Elisabeth Leonskaja einer der „späten“, sofern man es nicht auf Schuberts kurze Lebenspanne bezieht durchaus frühen Sonaten widmen. Nämlich dieser dreisätzigen a-Moll-Sonate D 784, die im ersten Satz so viele Schroffheiten, so viele blockartig voneinander abgesetzte Abschnitte und Partikel enthält, wie sie in nur wenigen Werken Schuberts im Bereich der Klaviermusik, aber auch im Umfeld der Kammermusik und des symphonischen Schaffens anzutreffen sind. In der russischen Aufführungstradition – wenn man das so pauschal zu beschreiben wagt – wurden diese dynamischen und expressiven Gegensätze immer wieder bis zur Schonungslosigkeit ausgespielt, ja ausgereizt. Ich denke da an Aufnahmen mit Sviatoslav Richter, mit Emil Gilels, Evgeny Kissin oder auch mit Igor Shukow – und eine Spur milder im Vortrag auch mit Vladimir Ashkenazy.
Wir dürfen gespannt sein, ob Elisabeth Leonskaja in ihrem Klavierabend an ihre schier überwältigend konzentriert abstufende, ausleuchtende, gleichsam körperlich-seelisch entfesselte und zugleich gebändigte Einspielung im Rahmen des geschilderten Geburtstagsbands anknüpft. Vielleicht aber auch etwas „österreichischer“ agiert, dem Ganzen ein wenig den Charakter eines Schicksals entscheidenden Entweder-Oder nimmt und dafür ein wenig mehr Sowohl-als-auch in ihren a-Moll-Schubert einbindet.
Mit den beiden Sonaten in Es-Dur (D 568) und f-Moll (D 625) bewegt sich die Interpretin in der ästhetischen Landschaft Schubertscher Früherkundung des musikhistorisch vorgeprägten, aber wenn man es ehrlich hält: nie und nimmer wirklich fassbaren, strukturtheoretisch eingrenzbaren Sonatenwesens. Schubert probierte, experimentierte, er verwarf und er schaffte es, etwa im Seitenthema der Es-Dur-Sonate (D 568) gleichsam liedhaft-tänzerisch zu beglücken. Wie etwa Beethoven im Kopfsatzseitenthema seiner G-Dur-Sonate op. 31,1. Sviatoslav Richter hat diese Sonate in der Öffentlichkeit nie vorgetragen, dafür umso engagierter die in Klang und Fortgang ganz eigentümliche f-Moll-Sonate. In Hohenems bei der „Schubertiade“ habe ich ihn mit urplötzlichen ff-Entladungen und streichelnder Piano-Lyrik erlebt. Auch in Japan spielte er dieses von Kollegen kaum beachtete „Stückwerk“ – mindestens zwei Mitschnitte sind von dieser energischen Hinwendung überliefert: London am 31.3.1979 (BBC Music BBCL 4010-2) und Tokyo am 24.2.1979 (Melodya/Eurodisc LP 203 728-425).
Mit der „Wanderer-Fantasie“ beschließt Elisabeth Leonskaja ihren Schubert-Abend. Richter bezeichnete dieses vierteilige, im wahrsten Sinne des vieldeutigen Wortes „fantastische“ Werk als das für ihn technisch-musikalisch schwierigste der gesamten Klavierliteratur. Eine Wanderung mithin in schönen Gefilden und hart an jenen Abgründen, an denen der Tod, zumindest der Absturz lauert. Elisabeth Leonskaja, da bin ich sicher, wird die Partitur – sozusagen eine von Schubert notierte Wanderkarte – in Auge und Ohr behalten und in Deutschlandsberg im virtuosen Fugen-Express zum Ziel führen.
Peter Cossé
Andreea Butucariu - EAS Musikmanagement